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Wahlen und Social Media

Der neue Bürgermeister von Seoul, Park Won Soon, versteht es, das Web 2.0 in seinem Sinne zu nutzen. Seine Wahl unterstreicht den Wunsch der Bevölkerung nach einer sozialen und modernen Politik. Deshalb ist es eine logische Schlussfolgerung, aber auch ein taktisch geschicktes Vorgehen, für seine Wahlkampagne Social Media einzusetzen. Entscheidend für seine Wahl war die erfolgreiche Mobilisierung der Wähler via Twitter. (taz) Da er vor allem bei den 20- bis 40-Jährigen sehr beliebt ist, waren seine Social-Media-Aktivitäten auch von Erfolg gekrönt: Denn seine Zielgruppe ist über Twitter tatsächlich erreichbar und nutzt diese Plattform für die Kommunikation sowie für den Informationsaustausch. Twitter ist ein Kanal – und jeder Follower ein Multiplikator.

Jedoch beschränkt Park Won Soon seine Aktivitäten nicht auf Twitter. Die offiziellen Feierlichkeiten zum Amtsantritt wurden – eine Premiere in der Geschichte Seouls – als Online-Feier exklusiv via Internet gezeigt, die Übertragung aus dem Bürgermeisteramt bzw. aus den Büroräumen live gesendet. So wurde aus der sonst eher elitären Veranstaltung eine öffentliche Online-Massenveranstaltung.

Ortswechsel: die Schweiz, unser direkter Nachbar. Bei den diesjährigen Schweizer Parlamentswahlen waren weder Facebook noch Twitter relevant. Viele Politiker investieren zu wenig respektive keine Zeit oder starten die Aktivitäten nicht. Wer jedoch ein funktionierendes Social-Media-Netzwerk aufbaut, der hat die attraktive Chance, auf diese Weise (junge) Wählerstimmen zu gewinnen. Experten haben beobachtet, ob die Schweizer Politiker die genannten Kanäle sinnvoll nutzen, um die (potenziellen) Wähler zu mobilisieren. Und sie kommen zu der Aussage, dass ihnen kein wahlentscheidender Faktor zugesprochen werden kann. „Nur eine Handvoll gewählte National- und Stadträte waren in Social Media ernsthaft präsent. Sie hätten keinen Einfluss gehabt.“ (Basler Zeitung)

Das Problem: Viele Politiker verstehen (noch) nicht, nach welchen Prinzipien und mittels welcher Mechanismen die großen Social-Media-Plattformen funktionieren. Problem Nr. 2: Es wird zu wenig Zeit investiert, die Aktivitäten sind oftmals unmotiviert, planlos und unregelmäßig. Außerdem: „Viele Politiker betrachten Social Media immer noch als Einwegkommunikation.“ (Politikberater Mark Balsiger)

Der Facebook‑Experte Thomas Hutter meint zu diesem Thema: „Unsere Politiker haben eine viel zu tiefe Kompetenz in Social Media. Viele haben nicht verstanden, dass eine reine Präsenz in Social Media nicht ausreicht.“ Die Plattformen dürfen nicht als „Werbeplattformen“ der jeweiligen Politiker verstanden werden. Es geht nicht um die Präsenz der Politiker, sondern darum, den Bürgern über die sozialen Netzwerke Aufmerksamkeit sowie Gehör zu schenken. Wer reden möchte, der muss auch zuhören – und bereit sein, die Nutzung der Medien zu lernen.

In Südamerika zählt vor allem Argentinien zu den Ländern mit einer hohen Online-Affinität. „Über 60 Prozent sind mittlerweile online, mehr als in jedem anderen Land Lateinamerikas.“ (ZEIT) Jedoch war der Internet-Wahlkampf in diesem Land, in dem eine Wahlpflicht besteht, eine enttäuschende Veranstaltung. Wähler sowie Politiker sind zwar aktiv, aber (ähnlich wie in der Schweiz) die Politiker haben noch nicht begriffen, dass das Reden (und Zuhören) in den Social Networks elementar ist.

Das Web 2.0 kann als PR-Instrument für den Wahlkampf genutzt werden. Dies muss jedoch mit einem Mehrwert für den User verbunden sein: Wenn ein Politiker Aufmerksamkeit „fordert“, so muss er gleichzeitig Aufmerksamkeit „geben“, die Wähler in die Aktivitäten integrieren. In Verbindung damit hat er die Möglichkeit, auch die leisen Stimmen zu hören, Informationen zu sammeln, eine Analyse der Bedürfnisse und Wünsche seiner Wähler zu machen. Dies ist allerdings nicht möglich, wenn Social Media als Kanal- und Verteilersystem zur Streuung von (Wahlkampf‑)Content benutzt wird. „Das Netz wurde somit zur Einbahnstraße, Austausch zwischen Kandidaten und Wählern fand kaum statt.“ Folglich haben auch in diesem Land die Politiker nicht die verfügbaren Chancen genutzt.

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